Durchhalten und Ankommen

»Der Ausgang einer Sache ist besser als ihr Anfang. Ein Geduldiger ist besser als ein Hochmütiger.« Prediger Kapitel 7, Vers 8

24.Mai2020

Liebe Gemeinde!

Durchhalten mussten wir in diesen Krisenzeiten der vergangenen Wochen allemal. Es war und ist ein Durchhalten, das wir in dieser Art und Weise bisher nicht kannten. Und wohl kaum einer hätte es noch zu Beginn des Jahres für möglich gehalten, dass ein »Runterfahren« des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens in solcher Größenordnung überhaupt stattfinden kann.

Wir spürten in diesen Tagen und Wochen wie wichtig und grundlegend es für uns Menschen ist, uns von Angesicht zu Angesicht erleben zu dürfen und eben nicht nur virtuell. Die einen von uns mussten hier sicher mehr schmerzhafte Erfahrungen machen, die anderen hoffentlich weniger. Aber eine solche Erfahrung war und ist eine sehr außerordentliche Erfahrung.
Umso dankbarer dürfen wir jetzt sein, hoffentlich wieder Stück für Stück gemeinsam unterwegs zu sein, beisammen zu sein, wenn auch mit Abstand - Gottesdienste zu feiern.

Hoffen wir, dass nicht »einfach nur alles so weitergeht wie gehabt« oder gar der Ton rauer werden sollte, sondern dass diese Zeit dazu beiträgt zu einer neuen Nachdenklichkeit zu finden, zu tieferen Beziehungen und zu stärkerer Mitmenschlichkeit.

Hören wir auf das biblische Wort aus dem Buch des Predigers kommt es weniger auf den Beginn einer Sache an, sondern vielmehr auf deren Ausgang. Und hier - auf die Länge einer Strecke hin gesehen - ist eben Ausdauer gefragt, und nicht selten Disziplin und Selbstüberwindung. So ist das bei vielen Dingen im Leben, nur es wird uns in Krisenzeiten besonders deutlich und in jener Herausforderung, in der wir gerade sind, sowieso.
Dann ziehen sich Fragen und Themen auf eine Art Brennpunkt zusammen und spiegeln unser Dasein. Aber gleichwohl geht es an unzähligen Punkten im Leben um ein Durchhalten, wenn wir denn ankommen wollen. Und nicht nur »geradeso« oder »irgendwie« ankommen wollen, sondern wenn wir einigermaßen »gut« ankommen möchten. Das muss nicht bedeuten, dass es immer bequem und einfach wird auf unserem Lebensweg, aber wir dürfen doch darauf hoffen, dass wir selbst an diesem Weg wachsen, reifen, einen weiteren Blick auf uns, auf andere Menschen, auf die Welt und auf Gott entwickeln. Und dabei geht es auch um den Weg, bei Gott anzukommen

Und wer kennt das nicht: Wir nehmen uns etwas vor, stecken uns für ein Vorhaben ein Ziel, aber unterwegs versandet dieses Vorhaben samt Ziel. Es wird einfach nichts draus.
So manches Projekt wird mit großem Spatenstich angefangen, später aber bleibt es liegen oder wird wieder abgerissen. So manche Unternehmung wird mit hoher Motivation begonnen und wird nach einigen Wochen abgebrochen. So manch guter Vorsatz verliert nach kurzer Zeit seinen Reiz und wird nie weiter verfolgt.

Aber auch ein Abbruch gehört mit dazu.
Wenn wir uns nichts zutrauen und nichts versuchen, werden wir auch unsere Grenzen nicht erfahren können. Und ein Abbruch kann auch bewirken, dass wir auf einer neuen Stufe fortfahren. Und zwar insofern, weil wir herausgefordert sind - wenn wir es denn zulassen - in eine neue Richtung zu denken, eine veränderte Strategie zu fahren, um doch noch ans Ziel zu gelangen. Wenn auch mit verändertem Denken. Also nicht der zweite oder dritte Versuch nach demselben Muster ist hier gemeint, sondern in einer neuen Vorgehensweise, so dass unser »Modellaufbau« ein anderer wird und wir für dasselbe Ziel ein neues Konzept erstellen. Das wäre dann nicht Entmutigung und Abbruch, sondern tatsächliche Veränderung.

Unser Glaube an Gott hat auch etwas mit Ausdauer - und an nicht wenigen Stellen mit Disziplin - zu tun. Mit Mäßigung, mit Besonnenheit und Beharrlichkeit - auch wenn das vielleicht alles Dinge sind, die zuweilen nicht so hoch im Kurs standen oder stehen. Und manchmal braucht es auch in Fragen unseres Glaubens unterschiedliche Wege und Ansätze, um Gottes Kraft und sein Reich für sich selbst zu spüren. Unser Leben - und auch unser geistliches Leben - ist eben kein »Selbstläufer«, sondern erfordert Verzicht und Überzeugung, Verpflichtung und Anteilnahme.
Aber - wer sich bekennt, wird attraktiv und wirkt anziehend. Der Glaube an Gott und Christus ist unseren Einsatz also allemal wert. Es geht ja um das Ziel, um Gottes Reich. Auch dann, wenn jenes Ziel - das Reich Gottes - »das Größte und Schwerste ist, was unser christlicher Glaube zu leisten hat«, wie Albert Schweitzer es beschreibt.

Ihnen und uns allen wünsche ich von Herzen, dass wir für die herausfordernde, kommende Zeit durch Gott und Christus beschenkt werden mit Zuversicht und Vertrauen für einen langen Atem.

24. Mai 2020
Dorothee Michler
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Autor des Artikels

Dorothee Michler

Pfarrerin

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