Zu Weihnachten jemandes Engel sein

9.Dezember2018

In der Vorweihnachtszeit erinnern wir uns unter Christinnen und Christen gegenseitig, wie alles anfing mit unserem Glauben. Oder wir lesen es für uns selbst nach oder unseren Kindern vor, wie das zuging: mit der Verkündigung dieser besonderen Geburt - durch den Engel des Herrn auf der Wiese.
Diese frohe Botschaft verkündet zu haben, wird den Engel froh gemacht und erfüllt haben, auch wenn er mit Form und Inhalt als Überbringer zunächst einen gehörigen Schrecken einjagte.
Vielleicht würden junge Leute heute sagen: An seiner Performance muss der Engel noch feilen. Tatsächlich müssen wir feststellen, dass mit der Vervielfachung der Wege und Kanäle, über die sich Botschaften heute verbreiten lassen, der Anteil froher Botschaften nicht vergrößert zu haben scheint. Darüber können wir uns grämen oder es als Chance sehen und einen Effekt nutzen, der inzwischen mit Versendung oder Erhalt handgeschriebener Briefe einhergeht:

Das Besondere wird durch seine Vereinzelung und ungewöhnliche Übermittlungsart auch heute klarer wahrgenommen: So wenig handgeschriebene Post findet sich in unseren Briefkästen, dass wir - noch bevor wir sie geöffnet haben - wissen: Darin steckt etwas Besonderes. Das Besondere wird auch den Hirten auf dem Feld klar gewesen sein, noch bevor der Engel des Herrn das erste Wort seiner Botschaft übermittelte.

Szenenwechsel: In einem Supermarkt steckt ein junger Mann die gerade über den Kassen-Scanner gezogene Ware, die eine ältere Dame eingekauft hat, in deren mitgebrachte Einkaufstasche. Der junge Mann packt ihre beiden Taschen geschickt, lächelt der Dame kurz zu - gleichsam als Vergewisserung, dass er sich nicht mit ihren Einkäufen davon machen wird. Sie bezahlt, verstaut ihr Portemonnaie und will die Einkaufstaschen zu Ende packen, aber er sagt: „Lassen Sie mal, ich mach das schon. Die sind eigentlich sowieso zu schwer für Sie. Wohnen Sie nicht zwei Etagen unter mir? Dann gehen wir einfach zusammen zurück - oder haben Sie auf dem Weg noch etwas zu erledigen?“

Die Dame erinnert sich an Fernsehberichte und Zeitungsartikel über Enkeltricks, falsche Zähler-Ableser und andere Gauner, die es auf ältere Leute abgesehen haben, entschließt sich aber, ihrer Menschenkenntnis zu trauen und dankt ihm erleichtert: „Sie sind ein Engel!“.
Der junge Mann lächelt nicht, sondern schaut plötzlich ganz versonnen, als ob er gerade einen inneren Film anschaue.
Dann auf dem Rückweg erzählt er seiner älteren Begleiterin von seiner Großmutter, die ihm bei den Besuchen im Seniorenheim schon an der Zimmertür immer zugerufen hatte: „Da kommt ja mein Engel!“. Ihm war das immer ein bisschen peinlich, so dass er ihr bei einem Besuch erklärt hatte, ein schlechtes Gewissen zu haben, dass er es nicht öfter hinbekam, sie zu besuchen und ihm deshalb der Wesenszug „Engel“ gar nicht zukomme.
Die Großmutter hatte gelacht, und ihn an die Weihnachtsgeschichte erinnert und daran, dass nicht die Häufigkeit des Erscheinens den Engel ausmache, sondern die Freude und Hoffnung, die seine Botschaften auslösten.

Jetzt lächelte die ältere Nachbarin des jungen Mannes zum ersten Mal und sagte: Ihre Großmutter muss eine kluge Frau gewesen sein, so habe ich die Weihnachtsgeschichte noch gar nicht verstanden.
Aber es stimmt: „Vielleicht ist es das einzige Mal, dass wir zusammen diesen Rückweg vom Supermarkt nach Hause gehen, aber dennoch sind viele frohe Botschaften für mich darin erhalten: Du wirst wahrgenommen! Junge Leute sind ja irgendwie dauernd unterwegs und in Eile, aber wenn es darauf ankommt, haben sie eben doch offene Augen, Ohren und Herzen! Die Gesellschaft ist so kalt oder warm, wie wir sie uns füreinander machen!“

Sie hielt an, schaute ihm in die wachen Augen und sagte: „Wissen Sie, wahrscheinlich ist auch das eine gut versteckte Botschaft der Weihnachtsgeschichte: Statt zu warten auf irgendeinen uns unbekannten Engel, können wir einander Engel sein. Sie haben das gerade eben geschafft, auch wenn Sie - pardon - auf den ersten Blick nicht wie einer aussehen.“ Jetzt war es an ihm zu schmunzeln: „Ich habe es Ihnen noch gar nicht verraten, aber in Wahrheit sind Sie der Engel!“ erwiderte er zur Überraschung der älteren Dame. 
„Sie haben sich ohne Scheu helfen lassen, mir gezeigt, dass Vertrauen immer wieder gewagt werden kann, weil es häufiger belohnt als gestraft wird. Und unser gemeinsamer Heimweg ist ein bisschen wie ein nachgeholter Besuch bei meiner Großmutter!“

Vor der Tür des Mehrfamilienhauses angekommen, überlegt die ältere Dame, ob sie dem jungen Mann bei sich etwas anbieten soll. Aber oben vor ihrer Wohnungstür angelangt, stellt der junge Mann ihre Taschen ab und sagt: „Wenn mal etwas ist, sagen Sie ruhig bei mir zwei Treppen tiefer Bescheid, oder legen Sie mir einfach eine Nachricht auf die Fußmatte! Ich melde mich dann.

Am nächsten Morgen, als der junge Mann zur Arbeit gehen will, stolpert er beim Verlassen der Wohnung fast über einen kleinen Kuchen, den er gestern im Supermarkt noch sorgfältig in der Einkaufstasche der älteren Dame verstaut hatte.
Darauf liegt ein kleiner Zettel mit einer besonderen Handschrift und Nachricht, die sagt: „Guten Appetit für einen Engel!“
Die Handschrift ist etwas zittrig, aber der mit wenigen Strichen darunter gemalte Engel ist wie von einem jungen Comic-Zeichner flott auf’s Papier gebracht - um Bart und Brille ergänzt, sodass er ihm selbst ziemlich ähnlich sieht.
Flügel hat der junge Mann nicht, und Hirten hat er noch nie persönlich getroffen. Ein Engel ist er anderen Menschen trotzdem: und damit in des Wortes wahrstem Sinne ein wunderbarer „Botschafter“.

Wir alle sind und können solch besondere „Botschafterin“ oder „Botschafter“ sein: Fast jeden Tag bietet sich irgendwo eine kleine Gelegenheit. „Engel“ zu sein - ist ein echtes Geschenk: Für andere, aber auch an uns selbst!

9. Dezember 2018
Dorothee Michler
972 Wörter
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Autor des Artikels

Dorothee Michler

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