Jahreslosung 2020

3.Februar2020

»Ich glaube; hilf meinem Unglauben!«
Markusevangelium Kapitel 9, Vers 24

Worum geht es in der Jahreslosung von 2020, möchte man fragen, um Glauben oder Unglauben?
Es geht um beides - ganz so wie im wirklichen Leben. Der Zweifel gehört zum Glauben, wäre es anders, wäre er kein tiefer Glaube, sondern eine scheinbare Sicherheit.
Gott aber will, dass der Glaube unser Leben fördert und verändert. Und dazu brauchen wir den Zweifel, die kritische Frage nach der Frage.
Wenn jemand auf alles eine Antwort hat, wirkt das zumeist verstörend. So kann man sich mit raschen Erwiderungen oder manchen Ratschlägen zwar die Sorgen des anderen ganz gut vom Leib halten, aber echte
Verbundenheit stellt sich nicht ein. Die schnelle Antwort kann schnell mehr Abstand als Verständnis und Nähe schaffen.

Hilfreicher ist es, einem anderen genau zuzuhören und zu fragen, warum ist der andere gerade so - wie er ist, warum ist er angespannt,niedergeschlagen oder gar ängstlich?

Auch die Bibel hat nicht die schnellen Vorschläge zur Hand, die das Leben leicht machen. Da lesen wir vielmehr von Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie wir selbst.
Wir erfahren, wie Menschen Gott wahrgenommen haben: Als einen, der sie begleitet oder hinterfragt, als einen, der sie bewahrt oder auch herausfordert.
Manchmal stoßen die biblischen Texte etwas in uns an.

Glauben heißt, dass wir in der Ausrichtung auf Gott hin fest verwurzelt sind, dass wir bei ihm einen zuverlässigen Ankerpunkt haben. Auf Gottes Liebe und Zuwendung hin - sollen die Menschen Gott absolutes Vertrauen entgegenbringen. Aber bereits mit der Schöpfung - mit Adam und Eva - sehen wir, dass die Menschen hier scheitern. In jener Erzählung vom Beginn wird deutlich, was für alle Menschen gilt: Kein Mensch kann sich ganz und gar auf Gott hin ausrichten, niemand kann - von sich aus - Gott unumschränktes Vertrauen entgegenbringen. Immer wieder fällt der Mensch in Zweifel.
Der Mensch kann dem Anspruch nach absolutem Vertrauen - Gott gegenüber - nicht gerecht werden.

In der Erzählung aus Markus 9,14-29 sucht ein verzweifelter Vater für seinen Sohn Heilung. Schließlich wendet er sich an Jesus, nachdem seine Jünger - vermutlich neben anderen vorher auch - bei der Heilung seines
kranken Sohnes erfolglos blieben. Die Bitte des Vaters an Jesus ist: »Hilf, wenn du kannst!« Dieser Ruf des Vaters aber klingt enttäuscht und hoffnungslos - Zuversicht und festes Vertrauen sehen anders aus.
Jesus fragt daraufhin den Vater zurück: »Was heißt hier: 'Wenn du kannst'?
Wer Gott vertraut, dem ist alles möglich.«
Den Mangel an Vertrauen und Glauben erkennt selten, wer ihn selbst noch teilt. Überwinden können wir diesen Mangel nur, wenn wir einen Betrachter-Standpunkt finden - oder besser: in diesen gestellt werden - der
außerhalb des Mangels liegt

Nach der Antwort Jesu verändert sich der Glaube des Vaters. Er erkennt die eigene Hoffnungslosigkeit, die in seiner Bitte lag, er spürt seinen Mangel an Vertrauen zu Gott, er spürt die Kargheit seiner Zuversicht. Dem
Vater wird deutlich, was ihm selbst bisher fehlte und so bekennt und bittet er Jesus um das, was grundlegend seine Ausrichtung ändern wird: »Ich glaube; hilf meinem Unglauben!«
Durch die Richtungsänderung des eigenen Blickes fließen dem Vater neue Kräfte zu, in ihm beginnen neue Hoffnung und neues Vertrauen zu wachsen.
Bezeichnend dabei ist, dass die Änderung des Blickes nicht aus dem Vater eigenmächtig zu Tage tritt, sondern dass er dazu den Anstoß, den Impuls, die Kraft von Jesus erhält. Das Eigentliche - das, was wirklich hilft, diesen
himmlischen Impuls und Funken erfahren wir als von Gott geschenkt.

In der Folge wird der Sohn geheilt. Die Heilung geschieht dabei nicht direkt, sondern vielmehr auf dem Umweg der Erkenntnis des Vaters. Eben dadurch, dass sein Augenmerk auf etwas Anderes hin gelenkt wurde als
auf das, was zunächst bei ihm im Vordergrund stand. Dass das Augenmerk auf seinen eigenen Unglauben, auf die eigene Verzagtheit, auf die eigene Schwachheit gelenkt wurde.
Wir könnten es auch so deuten, dass ein nicht bewältigtes Trauma, dass die eigene nicht geheilte Verletzung und Wunde an den nächst Schwächeren, in diesem Falle an den Sohn, übertragen wird.
Die Jahreslosung 2020 erinnert uns, wir sind nicht 'der autonome Mensch', sondern wir sind vielmehr Teil einer Beziehung; der Beziehung zum Anderen, der Beziehung zu Gott.

Unser Glaube ist beweglich, er ist dynamisch, verändert und entwickelt sich. Eine solche Bewegung und Entwicklung können wir durchaus in kleinen und unmerklichen Schritten - und manchmal nur in diesen -
wahrnehmen und spüren.
Diese kleine Richtungsänderung des Blickes. Das Kleine, das erst einmal gar nicht so viel Aufhebens macht.
Ganz so - wie es uns Jesus im Vaterunser aufgetragen hat - nicht um das Brot für die nächsten 10 Jahre zu bitten, sondern eben vielmehr zu bitten:
Unser täglich Brot gib uns heute. 'Mehr' kann auch zu viel sein.
In der Bewegung erfährt unser Glaube seine Stärke. Der Zweifel fordert uns heraus.
Ich wünsche uns und Ihnen von Herzen, dass wir für das Jahr 2020 immer wieder beschenkt werden mit Gottes Impuls und Anstoß für Vertrauen und starke Zuversicht. So dass wir, Neues entwerfen dürfen, Glauben wagen
können und als Christinnen und Christen uns dazu bekennen dürfen

3. Februar 2020
Dorothee Michler
893 Wörter
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Autor des Artikels

Dorothee Michler

Pfarrerin

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