Jahre der Partnerschaft zwischen Leersum und Senftenberg

Gemeindepartnerschaft Senftenberg Leersum

Ist Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die kleine Skulptur auf unserer Titelseite bekannt?
Natürlich, jeder Gottesdienstbesucher kennt sie und bei Kirchenführungen weise ich gern auf sie hin, die dort in einer kleinen Säulennische angebracht ist. Zum diesjährigen Osterfest wurde durch den liebevollen Blumenschmuck unser Blick jedoch in besonderer Weise auf dieses sonst eher unscheinbare Paar gelenkt.
Dieses vertraute menschliche Paar – Symbol unserer Gemeindepartnerschaft zwischen Senftenberg und Leersum in Holland – steht nun schon genau 20 Jahre an beschriebener Stelle. Zum 10 jährigen Bestehen der Partnerschaft hatten wir es beim Gemeindebesuch 1996 in Leersum tief bewegt in Empfang genommen. Fühlten doch die Leersumer Schwestern und Brüder genau wie wir – in zehn bewegten gemeinsam erlebten Jahren hatte sich eine überaus herzliche Verbundenheit entwickelt.
Eine Liedstrophe war wohl, so die Erinnerung, der Hintergrund und das Thema des kleinen Kunstwerkes:

„Ich möcht´, dass einer mit mir geht,
der´s Leben kennt, der mich versteht,
der mich zu allen Zeiten kann geleiten.
Ich möcht´, das einer mit mir geht.“

Vom anfänglichen Wissensdurst der Holländer, wie es wohl in der DDR hinter dem „Eisernen Vorhang“ zugehen mag, entwickelte sich bald ein reges Interesse am ganz praktischen Leben einer Kirchengemeinde im Sozialismus, dazu einer, die durch massive Umweltschädigung durch den Bergbau gebeutelt war. Was aber die jährlichen Begegnun-gen - zuerst nur in Senftenberg - bald so besonders machte, waren die Begegnungen auf Augenhöhe, ohne Überheblichkeit und mit wirklichem Interesse für unser Leben hier. Bald konnten wir feststellen, dass es unseren Freunden wirklich ernst war mit dem Kennenler-nen, aufeinander Hören und voneinander Lernen. Ja, es blieb so, auch in der Folgezeit, dass die Leersumer immer wieder ihr Lernen von uns betonten. Unser Engagement, anfangs trotz staatlicher Bedrängung, unser Humor, unsere Offenheit und Einfachheit - Pellkartoffeln und Leinöl waren einmal der Renner – beeindruckten sie immer wieder. Das Motto unserer Partnerschaft verdeutlichten wir immer wieder mit dem Lied:

„Möchte gern Brücken bauen fest und schön,
Hände fassen und erste Schritte gehen.
Möchte glauben und beten, tagtäglich sag ich’s mir:
Herr, deinen Geist gib dafür.“

Es wurde zum Hymnus unserer Begegnungen. Dann kam 1990 der erste Gegenbesuch der Senftenberger. Mit gewaltigem Hallo und einem Willkommenstransparent wurden wir begrüßt, eine Gruppe von über 50 Personen, darunter vielen Kindern. Im Jahreswechsel erfolgten danach die regelmäßigen Besuche hier und dort mit Gesprächen, Bibelarbeit, Exkursionen in die Umgebung und mit ganz viel Geselligkeit miteinander und bei den Gastgeberfamilien. Mich persönlich bewegte u. a. sehr die sich über mehrere Jahre erstreckende Aufarbeitung unserer dunklen Vergangenheit in der Zeit des Krieges. Viele empfanden es als großes Geschenk, darüber sprechen und zur Ruhe kommen zu können. Über all diesem Erleben entwickelten sich sehr schnell auch enge private Freundschaften. Diese halten zum Teil bis heute, nachdem wir im Jahre 2006, also nach 20 Jahren lebhaften Miteinanders die offizielle Gemeindepartnerschaft einvernehmlich und mit viel Traurigkeit beendeten. Viele der Initiatoren auf beiden Seiten waren inzwischen alt oder schwach geworden, sogar verstorben. Auf beiden Seiten gelang es trotz großer Bemühun-gen nicht, die Partnerschaft auf junge Füße zu stellen. Das gesellschaftliche Umfeld unserer Gemeinden hatte sich stark verändert. „Alles hat seine Zeit“, diese Worte des Prediger Salomo gaben uns damals Trost und Zuversicht und tun es auch noch heute. Ein großer hölzerner Engel aus Senftenberg erinnert in der Johannes-Kirche von Leersum an die wundervolle gemeinsame Zeit. In diesem Jahr denken wir in Dankbarkeit an den fröhlichen Beginn unserer Partnerschaft vor 30 Jahren und immer noch mit Wehmut an deren offizielle Beendigung vor nunmehr 10 Jahren. Viele Glaubensgeschwister in Leersum denken weiterhin liebevoll an uns und auch das Herz vieler Senftenberger schlägt für die Menschen dort am `Heuvelrug´. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Dieses Wort der Jahreslosung soll uns auch in dieser Beziehung weiterhelfen, und kann es nicht ebenso eine Aussage der Skulptur auf unserem Titelbild sein?

Wolfgang Pätzold